Watchdog Medien

Heute: Alte Medien, glaubwürdige Medien ? (4.5.2016)

Schau an, der BR ! Kaum wird der Nachrichtensender "B5 aktuell" 25 Jahre alt, schon gibt es eine repräsentative Studie. Das Ergebnis ist wenig überraschend: Drei Viertel der 1000 Befragten halten öffentlich-rechtliches Fernsehen und Tageszeitungen für glaubwürdig (jeweils 75 Prozent), zwei Drittel das öffentlich-rechtliche Radio. (Es muss also fast 100 Befragte geben, die zwar dem ARD-Fernsehen glaubt, nicht aber den ARD-Radios, doch, wie immer, wenn es spannend wird, erfährt man den Grund nicht.)

 

Wirklich überraschend ist indes auch dieser Befund nicht. In regelmäßigen Abständen lassen sich Öffentlich-Rechtliche wie auch die Zeitungsverleger in Umfragen bestätigen, dass sie in puncto Glaubwürdigkeit weit vor den sozialen Medien (Facebook, Twitter u. ä. ) liegen und fast genauso weit vor den Privatsendern wie RTL oder Pro Sieben. Bei den Kommentaren (Haben RTL oder Pro Sieben überhaupt welche ?) ist der Vertrauens-Vorsprung noch eindeutiger.

 

So weit also nichts Neues. Interessant jedoch, dass die Zeitungen gleichzeitig an Reichweite einbüßen, während die Neuen Medien an Einfluss gewinnen, ohne jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung auch verlässlicher zu werden. Ein Zusammenhang, der Medienzynikern (doch, doch, ein paar wenige gibt es davon schon !) viel Raum für Spekulationen bietet. Offenbar wird der Unterhaltungswert des Unseriösen nach wie vor unterschätzt.

 

Zurück zum BR. Er präsentiert sich in seinem Fernsehkanal seit kurzem mit einer komplett neuen "Rundschau", der zentralen Nachrichtensendung am Abend. Doppelt so lang wie bisher, von einem Anchorman moderiert, mit einem Schwerpunkt-Thema plus Hintergrund am Anfang, oft auch mit mehreren, dann ein Nachrichtenblock, der mit Bayern startet und im Rest der Welt endet. Dazu Sport, Kultur, Buntes und Wetter.

 

Das Bayerische Fernsehen, man muss es so brutal sagen, hat den Anschluss an die Moderne gefunden.


Heute: Plan W (18.2.16)

Plan W ist ein Supplement für die aufstrebende Business-Frau. Ein special-interest-Produkt also und als solches von überschaubarer Dringlichkeit. Es liegt der SZ viermal im Jahr bei, hat den Untertitel "Frauen verändern die Wirtschaft" und darf wohl auch von Männern gelesen werden (jedenfalls wissen wir nichts Gegenteiliges). Vor allem aber sorgt Plan W immer wieder für unfreiwilligen Humor, wie er entsteht, wenn man, pardon, frau ganz vorne im Trend, pardon, mitmarschiert. Schon immer sorgten Avantgarde und Zeitgeist für Komik und schräge Pointen, es fällt ihnen nur in der Regel nicht auf.

 

Deshalb zwei Beispiele aus Plan W: Bei Beispiel eins geht es um polnische Frauen in Deutschland, die deutschen Frauen dabei helfen, ihr Leben jenseits von Karriere und Business im Griff zu behalten. Sie verdingen sich als Nanny und Tagesmutter, putzen und kochen und gehen einkaufen und räumen die Spülmaschine aus und bringen das Altglas weg und übernehmen so in geradezu klassischer Manier die Rolle, die ehedem deutsche Frauen inne hatten. Was bei Letzteren zu einem schlechten Gewissen führt und teils bizarren Ideen wie dieser:

 

Man sollte öfter seine Putzfrau besuchen, schreibt die Autorin am Ende. (Den Rest schreibt sie nicht, den haben wir jetzt einfach hinzugedichtet: Es könnte unser Gefühl, unverschämt privilegiert zu sein, vielleicht ein wenig dämpfen. Vielleicht kriegen diese Polinnen ja einfach zu wenig Besuch und schauen deshalb manchmal so verhärmt in die Welt.)

 

Zweites Beispiel: Da geht es um Mikrokredite in Entwicklungsländern, bereit gestellt von Yunus Social Business, einer segensreichen NGO, die sich um die kümmert, die kein vernünftiges Einkommen haben, z. B. in Albanien, Kolumbien oder Uganda. Am Ende des lesenswerten Interviews mit Vertretern von Yunus Social Business schreibt dann die SZ-Journalistin:

 

"A. B. isst sehr gerne Eis, auch exotische Sorten wie Mango-Chili. Weil sie nun weiß, wie sehr Frauen in Uganda vom Chili-Boom profitieren, wird sie nächstes Mal zwei Kugeln bestellen."

 

Wir müssen jetzt leider weg. Unsere Putzfrau besuchen. Am Rückweg werden wir dann in unserer Uganda-Lieblings-Eisdiele Mango-Chili-Eis essen. Zwei Kugeln.


Heute: Die ZEIT (16.2.16)

 

 Die ZEIT, unsere liebe ZEIT, wird 70. Dazu hat sie eine schöne Sonderausgabe gemacht. Eine Festausgabe, wie sie selber sagt. Mit viel Helmut Schmidt, Gräfin Dönhoff und Gerd Bucerius, dem Blattgründer, der eine eigene Kolumne hatte, wo er schrieb, wenn ihm was gegen den Strich ging in der eigenen Zeitung. Und es ging ihm viel gegen den Strich, dem liberalen CDU-Mitglied, aber er hat nie versucht, es zu unterdrücken. Da war Bucerius eine echte Rosa Luxemburg. Freiheit ist die Freiheit des, Sie wissen schon. Vieles dieses liberalen Urgeistes hat sich erhalten bis zum heutigen Tag. Deshalb lesen Rechthaber eher den Spiegel, den Focus oder die Frankfurter Rundschau.

 

Vieles aus dem Heldenfriedhof Arlington also, wie Benjamin Henrichs, der unvergessene Theaterkritiker, den Gebäude-Trakt nannte, wo die Granden residierten. Dazu Anekdoten, schier endlos, aus dem Innenleben der ZEIT. Der Whisky bei der Freitags-Konferenz (er wurde von einem Chefredakteur aus der Schweiz abgeschafft, nachdem ein Redakteur während der Konferenz ein Tänzchen gewagt hatte), der bei seinem Vorstellungsgespräch kotzende, spätere Feuilletonchef Fritz J. Raddatz (er bekam den Job dennoch), der Reise-Redakteur Michael Allmaier beim Nacktwandern und schreiende Leser im Redaktionsgebäude am Speersort. Nicht zu vergessen die Hals- und Hustenpastillen des aktuell amtierenden Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo. Vieles davon schlug sich auch im Blatt nieder und begründete das unverwechselbare Flair der ZEIT. Bei manchen Texten hatte man das Gefühl, mit in der Redaktion zu sitzen.

 

Aber keine Geburtstagsfeier ohne Peinlichkeit. So tauchen die freien Mitarbeiter, ohne die auch die ZEIT nicht die ZEIT wäre, in der Festausgabe nicht auf, nicht mal am Rande. Es gab sie, glaubt man dieser Darstellung, einfach nicht. Aber es gab sie sehr wohl. In jeder Ausgabe, in jeder Sonderpublikation, offline sowieso und online erst recht. Ohne sie, die Stoffsammler in der außerredaktionellen Welt, die Mittelsleute zur Realität, die Lauscher vor Ort, hätte auch die ZEIT vor allem eins produziert: dünne Luft.

 

Und nun auf die nächsten siebzig Jahre ! Prosit auf klare Gedanken, Stil prägendes Layout und ein paar Witze dann und wann ! Und das mit dem Whisky kann man sich ja noch mal überlegen!