Gedichte


 

Am Magnolienstrauch

Für Angelika N.

 

Vor dem Haus, neben dem Magnolienstrauch,

Mutter und Tochter, Arm in Arm.

Wie ein Liebespaar ziehen sie am Gartentor vorbei,

langsam, ernst, eine Einheit wie ein Schiff.

So innig sah man sie selten. So nah waren sie sich

zuletzt, als die Tochter fünf war und Scharlach hatte.

Das Fieber stieg und stieg und

die Eltern fürchteten, sie könne sterben.

 

Und nun die Magnolienstrauchprozession.

Mutter und Tochter, eine Symbiose.

Zurück ins embryonale

Paradies, in den einzigen

Himmel diesseits des Himmels.

Die Geburt, diesen Irrtum der

Natur, rückgängig machen, die

Trennung überwinden,

ein für alle Mal.

 

Sechs Monate später erliegt die Tochter ihrem Krebsleiden.

Ohne Titel (Todesengel) 1940

Ameisen

 

Jan heißt nicht Jan,

aber ich nenn ihn mal so.

Jans Tochter stirbt gerade.

Wie der Erlkönig verliert er sein Kind.

Mit bloßem Oberkörper steht er in der Garage,

die Haare winddurchblasen, grau,

eine Erscheinung wie vom Mond, erstarrt

und ohne Sprache für das, was ihn bewegt.

 

Hinten am Zaun, sagt er, hätten sich

Ameisen angesammelt. Denen

werde er nun den Garaus machen.

Dann geht er, das Gift in der Linken,

die Haare zerzaust und grau wie Wind und Asche,

ein krummer Altmännerrücken ohne schützendes Hemd.

 

Töten, töten, töten, ich will nur noch töten.

Das sagt er nicht, das tut er.